Julia Margaret Cameron
“Mein Bestreben ist es, die Fotografie zu veredeln und ihr den Charakter und die Wirkung einer hohen Kunst zu sichern, indem ich das Wirkliche und das Ideal verbinde und bei aller Verehrung für Poesie und Schönheit von der Wirklichkeit nichts opfere.”
Julia Margaret Cameron wurde 1815 in Kalkutta geboren und starb 1879 in Kalutara, Ceylon. Sie begann erst mit 48 Jahren zu fotografieren. Cameron war eine gebildete Frau, die vielfache Kontakte zu Künstlern und Wissenschaftlern ihrer Zeit pflegte. Ihre Fotografien wurden schon zu ihren Lebzeiten berühmt, jedoch hat sie nie mit der Fotografie Geld verdient, im Gegenteil lehnte sie sogar kommerzielle Portraitaufträge ab.
Arbeitsweise
Julia Margaret Cameron nutzte das damals übliche “Nasse Kollodiumverfahren” für ihre Fotografie. Dabei musste eine Glasplatte mehrfach mit Chemikalien behandelt werden und wurde sofort nach der Aufnahme entwickelt. Offenbar bereitete ihr diese Technik gerade am Anfang noch große Probleme und auch später hatte sie wohl noch Mühe mit einer sauberen Arbeitsweise. Zeitgenossen bemängelten z.B. übermäßig viele Staubeinschlüsse in ihren Platten. Aber auch im häuslichen Bereich hatte sie wohl durch ihre Impulsivität so manchen ‘Schaden’ verursacht. In ihrer Autobiografie schreibt sie dazu: „Mein Mann hat vom Anfang bis zum Ende jedes meiner Bilder erfreut betrachtet, und es ist mir zur täglichen Gewohnheit geworden, mit jeder Glasplatte zu ihm zu laufen und seinem enthusiastischen Beifall zuzuhören. Diese Angewohnheit, mit meinen nassen Bildplatten ins Esszimmer zu laufen, hat eine so große Anzahl von Tischdecken mit unentfernbaren Flecken von Silbernitrat verdorben, dass ich aus jedem weniger duldsamen Haushalt verbannt worden wäre …“.
Interessantes berichtet sie auch von ihrem Arbeitsplatz: „Mein Kohlenkeller wurde zur Dunkelkammer und ein gläsernes Hühnerhaus, das ich einst meinen Kindern geschenkt hatte, wurde mein Atelier; die Hennen wurden befreit und hoffentlich nicht gegessen. Meine Söhne verzichteten auf frisch gelegte Eier und alle sympathisierten mit meiner neuen Tätigkeit, seit die Gesellschaft von Hennen und Küken ersetzt wurde durch die von Dichtern, Propheten, Malern und liebenswerten jungen Frauen …“.
Camerons Bedeutung für die Fotografie
Viele von Margaret Camerons Fotografien hatten ein religiöses oder moralisches Thema. Zwar hat sie diese Themen in durchaus ungewöhnlicher und wohl auch fast revolutionärer Weise behandelt, jedoch sind uns die Moralvorstellungen der viktorianischen Zeit doch schon zu fern, als dass sie damit heute noch Relevanz hätte. Viel wichtiger ist in ihrem Werk aber der spezielle Umgang mit der fotografischen Technik, insbesondere mit Schärfe und Unschärfe, sowohl als selektive Schärfe als auch als Bewegungsunschärfe. Cameron war die erste Fotografin, die diese Stilmittel konsequent angewandt hat. Die plastische Wirkung, die sie mit diesen Stilmitteln erreichte, machen ihre Portraits auch heute noch zu einem Genuss. Dabei sah Cameron sich in ihrer Arbeitsweise durchaus angefeindet durch andere Fotografen. Im „Photographic Journal“ vom 15. Februar 1865 war zu lesen: „Mrs. Cameron stellt ihre Serien unscharfer Porträts von Berühmtheiten aus. Wir müssen der Dame Mut zur Originalität zugestehen, allerdings auf Kosten aller sonstigen photographischen Qualitäten“. Der Schriftsteller und Fotograf Lewis Carroll, Autor von „Alice im Wunderland“ und ein Freund Camerons , berichtete: „Abends hatten Mrs. Cameron und ich eine gemeinsame Ausstellung unserer Photographien. Ihre waren alle vorsätzlich unscharf – einige sehr malerisch, andere bloß hässlich; sie aber sprach von ihnen, als wären sie der Gipfel der Kunst“. Cameron entgegnete: „Was bedeutet Schärfe – und wer hat das Recht zu sagen, welche Schärfe die richtige ist?“
Margaret Cameron hat sich bewusst von den präzisen und detailverliebten Darstellungen des fotografischen Handwerks abgewandt. Es ging ihr darum eine lebendige räumliche Modellierung ihrer Figuren zu schaffen. Neben dem inovativen Umgang mit Schärfe, setzte sie zudem Belichtungszeiten von zwei bis sieben Minuten ein, die auch damals technisch nicht mehr unbedingt nötig waren. Da ihre Modelle in dieser Zeit regungslos bleiben mussten, wirken sie auf eine fast mystische Weise ernst und nachdenklich.

